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Zusprüche am Morgen

Zusprüche am Morgen
Zusprüche am Morgen
© Erwin Wodicka - wodicka@aon.at

Denk gegen den Strich!

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Mutig sein und sich nicht entmutigen lassen – dazu ruft ein Gedicht von Lothar Zenetti auf. Es geht so: „Was keiner wagt, das sollt ihr wagen, was keiner sagt, das sagt heraus, was keiner denkt, das wagt zu denken, was keiner anfängt, das führt aus.“ Ich habe auch schon die Erfahrung gemacht, wie schön und schwierig es ist gegen den Strich zu denken, gegen die Mehrheitsmeinung trotzdem etwas zu probieren. Vor einigen Jahren hatte ich mit ein paar Leuten in meiner Gemeinde die Idee, ein Familiencafé für Eltern und Kinder im Westend von Wiesbaden anzubieten. „Das klappt nie, das ist zu teuer, da kommen keine Leute, und schon gar nicht die, die wir erreichen wollten“ - so hieß es. Nach drei Jahren hatten wir es geschafft: Jeden Dienstag kamen mindestens 30 Kinder und Erwachsene zum Familiencafé. Und heute zehn Jahre nach dem Start sind es immer noch soviele. Auch die kirchlich Fernstehenden erreichen wir, weil wir nicht missionieren, sondern als Kirche einfach einen Treffpunkt anbieten. Lothar Zenettis Gedicht geht weiter: „Wenn keiner „ja“ sagt , sollt ihrs sagen, wenn keiner „nein“ sagt, sagt doch nein, wenn alle zweifeln, wagt zu glauben,  wenn alle mittun, steht allein.“ Gegen den Mainstream zu denken und zu glauben, das ist manchmal auch in einer offenen Gesellschaft nicht leicht. Immer wieder werde ich auch von Freunden gefragt: „Warum gehst du eigentlich noch sonntags in die Kirche? Wieso bist du eigentlich noch bei diesem Verein, der anderen Wasser predigt und selber Wein trinkt?  Der hohe moralische Ansprüche an andere stellt, sie selber aber oft nicht erfüllt.“  Ich sage dann: „Weil die Kirche trotz aller Dinge, die verbessert werden müssen, meine geistige Heimat ist. Und weil ich in ihr mehr Gutes als Schlechtes erfahren habe.“ Zenetti schreibt weiter: „Wo alle loben, habt Bedenken, wo alle spotten, spottet nicht, wo alle geizen, wagt zu schenken, wo alles dunkel ist, macht Licht.“ Licht in die Dunkelheit bringen, statt über die Dunkelheit zu schimpfen, darin sehe ich heute als Christ meine tägliche Herausforderung. Manchmal ist das bei mir nur eine freundliche Auskunft für einen, der ins  Pfarrbüro kommt oder anruft. Manchmal ist es das kleine Schwätzchen mit dem Mann, der zuhause seine Tochter pflegt. Manchmal kommt es auch einfach nur aufs Zuhören an,  wenn mir eine Mutter von ihrer zerbrochenen Beziehung zu ihrer Tochter erzählt. Es tut ihr gut, dass ich da bin und ihr zuhöre.  Und ich denke an die Zeile im Gedicht von Lothar Zenetti: „Wo alles dunkel ist – macht Licht.“

Ablenkung ist wichtig

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Die Frage: „Ist das Glas nun halb voll oder halb leer?“ habe ich schon tausend Mal gehört. An der Frage, so heißt es,  kann man den Optimisten vom Pessimisten unterscheiden. Ein kurzer Bericht in einer Zeitschrift erzählte davon wie eine Psychologin bei einem Antistress Seminar  auf ein halbvolles Glas zeigte und die Frage stellte: „Wie schwer ist dieses Glas?“ Die Teilnehmer schauten sich verdutzt an. Sie hatten damit gerechnet, dass wieder die übliche Optimisten/Pessimisten – Frage kommt.

„Also wie schwer ist das Glas? “  – fragte die Psychologin schließlich. Die Teilnehmer waren zunächst irritiert und haben angefangen zu schätzen: vielleicht 200 Gramm oder 500 Gramm. Dann kam die überraschende Antwort der Psychologin: „Das absolute Gewicht spielt gar keine Rolle. Entscheidend ist, wie lange ich es halten muss. Es macht für mich einen Unterschied, ob ich es eine Minute oder zehn Minuten halten muss. Je länger ich es halte, umso schwerer wird es.“ Mir hat das sofort eingeleuchtet.

Stress und Sorgen die sind ja wirklich wie dieses Glas Wasser.  Wie schwer sie wiegen, hängt davon ab, wie lange sie mich beschäftigen. Wenn ich mich den ganzen Tag mit dem beschäftige, was mich niederdrückt, dann hat das ein anderes Gewicht, als wenn ich die Sorgen auch mal ausblenden kann. Ich kenne das von mir selbst: Nächte, in denen ich wach liege, weil mir alles möglich durch den Kopf geht: Probleme, die ich auf der Arbeit lösen muss, Besuche beim Arzt, belastende Dinge, die mir Freunde erzählen. Ich komme einfach nicht zur Ruhe, finde nicht in den Schlaf. Und ich erinnere mich auch Nächte, in denen ich vor Sorgen geweint habe. Manchmal gelingt es mir, diesen Teufelskreislauf von stundenlangem Grübeln und dem lähmenden Kreisen um die Dinge, für die ich noch keine Antwort habe, zu durchbrechen.

Ich versuche mich abzulenken: Ich lese in einem Buch, schaue fern oder bete den Rosenkranz, ein Gebet, dass aus vielen Wiederholungen besteht. Ich lenke mich solange ab, bis ich so müde bin, dass ich einschlafen kann. Ich glaube, es ist manchmal wichtig, dass ich mich ablenke – gerade dann, wenn ich keine Lösung für ein Problem habe. Auch bei der Arbeit spüre ich, dass es manchmal wichtig ist, mich abzulenken. Wenn ich mal ein paar Minuten nicht an meine Probleme gedacht habe, komme ich meistens frischer und kreativer wieder. Das halbe Glas Wasser erinnert mich daran: Ablenkung tut meiner Seele gut.

Aufstehen

Ein Freund von mir ist Gefängnisseelsorger. Er hat mir einmal erzählt, wie ein junger Pfarrer, unfreiwillig die Gefangenen zum Lachen gebracht hat, aber auch zum Nachdenken. Er war ganz neu im Gefängnis. In seinem ersten Gottesdienst wollte er in der Kapelle zum Lesepult gehen, um da seine Predigt zu halten. Das war an einem Ostersonntag. Und da ist er über eine Stufe gestolpert und auf den Boden gefallen. Er musste selber darüber lachen und hat dann gemerkt,  -auch die Gefangenen hatten ein Grinsen in ihren Gesichtern. Spontan hat er dann seine vorbereitete Predigt zur Seite gelegt und gesagt: „Liebe Leute, ich wollte euch doch nur zeigen, dass man wieder aufstehen kann, wenn man hingefallen ist“.

Aufstehen- Auferstehung. Das ist nicht nur an Ostern wichtig. Im Griechischen, in dem das Neue Testament geschrieben wurde, steht dasselbe Wort für beides:  Aufstehen und Auferstehen. Und in katholischen Kirchen kann man das Fallen und Aufstehen ganz bildhaft sehen: Bei jedem Kreuzweg gibt es drei Stationen, an denen Jesus hinfällt und wieder aufsteht. Hinfallen und wieder Aufstehen. Das ist wohl für jeden Menschen eine wichtige Erfahrung. „Steh auf“ kommt in der Bibel über 100 mal vor. Menschen werden dazu ermutigt ihre Krise oder Krankheit hinter sich zu lassen. Oft werden sie auch geheilt und können eine neue Perspektive für sich finden. „Steh auf“. Aufstehen und Auferstehung: Die gibt es ja nicht erst im Tod. Aufstehen, das gibt es auch mitten im Alltag. Ich kenne das auch: Ich habe mich zum Beispiel ganz am Boden gefühlt, als ein geliebter Mensch gestorben ist. Oder als mich eine Krankheit über Wochen gelähmt hat. Aber dann hat mir dieses Wort geholfen: „Steh auf“. Ich gehe, wenn ich traurig bin, manchmal in eine Kirche und schaue mir den Kreuzweg an, die Stationen bei denen Jesus hinfällt und wieder aufsteht. Das gibt mir Kraft. Manchmal hilft mir auch ein Gespräch mit einem Freund, der nicht sofort Antworten hat, aber zuhören kann. Und oft genug hilft mir auch Musik oder wenn ich mich draußen in der Natur bewege. Dann passiert bei mir so etwas wie Auferstehung.

Die Kunst der kleinen Schritte

Der Autor des « Kleinen Prinzen », Antoine de Saint Exupery, hat ein Gebet für den Alltag geschrieben. Es geht so : „Ich bitte nicht um Wunder und Visionen, Herr, sondern um Kraft für den Alltag. Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte. Schenke mir Fingerspitzengefühl, um herauszufinden, was erstrangig und was zweitrangig ist. Lass mich erkennen, dass Träume nicht weiterhelfen, weder über die Vergangenheit noch über die Zukunft. Bewahre mich vor dem naiven Glauben, es müsste im Leben alles glatt gehen. Schenke mir die nüchterne Erkenntnis, dass Schwierigkeiten, Niederlagen, Misserfolge, Rückschläge eine selbstverständliche Zugabe zum Leben sind, durch die wir wachsen und reifen. Schick mir im rechten Augenblick jemand, der den Mut hat, mir die Wahrheit in Liebe zu sagen. Ich weiß, dass sich viele Probleme nur langsam lösen. Gib, dass ich warten kann. Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte.“ Soweit das Gebet von Antoine des Saint Exupery.

In diesem Gebet steckt viel drin für mich. Als erstes gefällt mir die nüchterne Betrachtung des Lebens: Träume helfen nicht weiter – ich kann das Leben so betrachten, wie es ist: Schwierigkeiten und Niederlagen sind nichts Besonderes, sie treffen jeden Menschen, wieso nicht auch mich. Ich habe kein Recht darauf, dass bei mir alles glatt läuft: das finde ich beruhigend und befreit mich von dieser Frage: warum stößt mir ausgerechnet das und das zu. Saint Exupery dreht das Ganze um: bei ihm lautet die Frage: warum sollten mich Krankheit, Misserfolg und Rückschläge eigentlich nicht treffen? Diese Sicht der Dinge hilft mir gelassener mit Schwierigkeiten umzugehen. Schwierigkeiten, Krankheit und Rückschläge gehören zu jedem Leben, auch zu meinem. Und etwas Zweites beeindruckt mich in diesem Gedicht von Saint- Exupery: „Viele Probleme lassen sich nur langsam lösen, lass mich warten können.“ Diese Erfahrung mache ich immer wieder, egal, ob es um Konflikte in der Familie geht oder um Probleme in meiner Arbeit. Nicht alles lässt sich von jetzt auf gleich lösen. Oft brauche ich einen langen Atem. Und wenn ich mir das nicht zugestehe, wird es auch nicht besser. Ich muss oft Geduld erst lernen. Ja, Gott – lehre mich die Kunst der kleinen Schritte. Ich glaube, das macht mich zufriedener und menschlicher.

Krieg ist Wahnsinn

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Vor allem die unzähligen Gräber sind mir von der Normandie in Erinnerung geblieben. Kreuz an Kreuz, Friedhof an Friedhof, deutsche, amerikanische, britische, kanadische und französische Soldaten sind dort begraben. Menschen mit Namen, Familien, Träumen und Sehnsüchten. Sie liegen zu Tausenden in der Erde der Normandie. Die Brutalität eines Krieges hat sie um ihre Zukunft gebracht. Bald ist wieder der Gedenktag dieser Schlacht von 1944: der 6. Juni. Und ich denke zurück an meine Eindrücke, auf meiner Reise in die Normandie im letzten Jahr. Zum Beispiel als ich vor dem Grab eines unbekannten Soldaten in Bayeux stand. Auf seinem Grabstein hat seine Mutter ihre letzten Wünsche einmeißeln lassen: „Meinem geliebten Sohn möge Gott Frieden schenken“. Ich denke an den deutschen Friedhof, auf dem ich in einer Schautafel den verzweifelten Brief eines deutschen Soldaten las: „Ihr Daheimgebliebene wisst nicht, was Krieg ist, ihr kennt nicht die Verstümmelungen,  das Sperrfeuer der Maschinengewehre, die Schreie der sterbenden Kameraden, die Angst, die hier jeder hat…. Wenn ihr das wüsstet, würdet ihr nicht so leichtfertig über den Krieg reden.“ Ich denke an den schier endlosen amerikanischen Militärfriedhof, der mir deutlich machte, wie viele Schicksale hier ausgelöscht wurden. An der Küste der Normandie dachte ich an die Soldaten, die in den Landungsbooten der Alliierten saßen und sehenden Auges in die Maschinengewehrsalven der Deutschen stürmten. Ich dachte auch an meinen Großvater, der hier auf der deutschen Seite gekämpft hatte und vielleicht auch Menschen getötet hat. Wie grausam ist der Krieg. Mir ist bei meinem Besuch in der Normandie klar geworden, wie wichtig diese Gräber sind. Die Gräber der toten Soldaten erzählen von der Brutalität des Krieges und von der Hoffnung, dass uns so eine Katastrophe erspart bleibt. Die Gräber erzählen aber auch von der Befreiung Europas. Ohne die mutigen drei Millionen Soldaten der Amerikaner, Engländer, Kanadier und Franzosen hätte das Hitler- Regime weiterhin bestanden. Für mich ist dieser 6. Juni deswegen ein Tag der Befreiung. Ich bin in den siebziger Jahren aufgewachsen, für meine Generation war es immer normal, in einem friedlichen Europa, in einer freien Gesellschaftsordnung zu leben. Aber das ist nicht selbstverständlich, und davon erzählen die Gräber in der Normandie und anderswo. Sie erinnern mich daran wie glücklich ich sein kann, in einem Teil Europas zu leben, der seit über 70 Jahren keine Kriege mehr kennt.

Diakon Uwe Groß
Diakon
Tel.:0611 / 88040402