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Zwischen Hütten und Palästen

Zwischen Hütten und Palästen
Zwischen Hütten und Palästen
Vom prachtvollen Biebricher Schloss bis zu den Hochhäusern in Klarenthal führt die Rundfahrt © Pixabay

Sich als Kirche nicht abschotten, sondern dorthin gehen, wo die Menschen leben: Was bei einer solchen Entdeckungstour vor der eigenen Haustür an Aha-Erlebnissen, neuen Perspektiven und guten Begegnungen herauskommen kann, haben die 28 Teilnehmer einer sozialräumlichen Rundfahrt der Pfarrei St. Peter und Paul am Samstag, 13. Oktober, erfahren. Gemeindereferentin Susanne Hering und Pfarrgemeinderatsmitglied Marcus Krüger hatten dafür spannende Anlaufpunkte ausgewählt, um die höchst unterschiedlichen Sozialräume der neun Kirchorte in den Blick zu rücken. Zum Ausklang am Abend gesellte sich dann noch der Wiesbadener Sozialdezernent Christoph Manjura zu der bunt gemischten Truppe, deren Altersspanne von Mitte 20 bis 82 reichte.

Große soziale Unterschiede

Dass auf dem Flyer zu der Aktion so gegensätzliche Gebäude wie die Hochhäuser in Klarenthal und das Biebricher Schloss abgebildet waren, kommentierte bei einem Vorbereitungstreffen Pfarrer Knud W. Schmitt mit der Beschreibung: "Zwischen Hütten und Palästen". „Nirgendwo in Wiesbaden sind die sozialen Unterschiede so groß wie im Wiesbadener Westen“, bestätigt Marcus Krüger, der als Dozent Studierende an der Hochschule Rhein-Main zum Thema „Sozialraumentwicklung und Sozialraumsteuerung“ begleitet und selbst einen Masterstudiengang in diesem Fach belegt hat. Die große Bandbreite spiegelt sich auch in der 2014 von der Landeshauptstadt Wiesbaden veröffentlichten Sozialraumanalyse wider, wie Susanne Hering im Vorfeld recherchiert hatte. Dabei belegt die Pfarrei St. Peter und Paul mit den Kirchorten St. Josef (Schelmengraben) und St. Georg und St. Katharina sowohl den ersten als auch den letzten Platz der Analyse.

Engagement mit Herzblut

Bei der Fahrt selbst standen aber nicht statistische Zahlen und trockene Fakten im Mittelpunkt, sondern die Menschen vor Ort. Ob beim Besuch im Nachbarschaftshaus Biebrich, in der Kolping-Speisekammer, in der jeden Mittwoch an 200 Kunden Lebensmittel ausgegeben werden, im Bauhof, im Repair-Café oder im Kinder- und Beratungszentrum  Sauerland: Immer war bei den Teilnehmern die einhellige Begeisterung über das „Herzblut“ zu spüren, dass die Leute in ihre Arbeit stecken. „Mensch, was die da leisten“, hieß es allenthalben anerkennend. Überraschend war für manch einen die Vielfalt der sozialen Angebote: „Ich hätte nicht gedacht, dass es so etwas auf dem  Gebiet unserer Pfarrei gibt“. Auch die Justizvollzugsanstalt in der Holzstraße wurde nicht ausgespart. Was hier im sozialen und kirchlichen Bereich passiert, erfuhren die Teilnehmer aus erster Hand von Gefängnisseelsorger Rupert Lotz, der draußen vor dem Gebäude von seiner Arbeit berichtete.

Kirche ist kein exklusiver Verein

„Wir sind als Kirche kein exklusiver Verein, sondern unsere Pfarrei bildet die Lebenswelt der Menschen ab“, sagt Susanne Hering: Es sei für alle Beteiligten eine absolut gute Erfahrung gewesen, dies auf der Exkursion konkret erlebt zu haben. Ihrerseits war sie vor allem angetan vom guten Miteinander und der fröhlichen Stimmung unter den Teilnehmern. Für die Gemeindereferentin ist das „Schau hin" ein erster „zaghafter“ Schritt  zu einer neuen Haltung der Offenheit: „Wir müssen einfacher, freundlicher, zugewandter werden“, ist sie überzeugt: "Und die Büros verlassen, statt uns in den Kirchorten zu verschanzen."