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Geflohen, vertrieben – angekommen?

Flucht und Vertreibung
Geflohen, vertrieben – angekommen?
Geflohen, vertrieben – angekommen?
© cocoparisienne/pixabay

Das Thema zur Vorbereitung des ökumenischen Kirchentages 2021 lautet: „Öffne mir die Augen, schaut hin!“.  Beide christliche Gemeinden in Klarenthal haben zu diesem Thema am 16. Februar einen gemeinsamen Gottesdienst gefeiert. Wir wollen es jedoch nicht beim theoretisch abstrakten Auffordern zum Hinschauen belassen, wir wollen vielmehr, dass wir uns in der Realität mit dem Hinschauen befassen.

Dazu haben Volksbildungswerk und Kirchortgemeinde St. Klara  für den Monat März die Ausstellung „geflohen, vertrieben – angekommen“ des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge entliehen und bieten sie den gesamten Monat März im Foyer des Gemeindezentrums St. Klara zum Besuch an.

© falco/pixabay

In unseren Tagen sind Millionen von Menschen auf der Flucht. Sie fliehen vor kriegerischen Ereignissen, weil sie um Leib und Leben fürchten, sie flüchten vor Unterdrückung ihrer Ethnie, ihrer Religion, ihrer politischen Gesinnung. Es sind aber auch viele, vor allem junge Menschen unterwegs, die mit den wirtschaftlichen Verhältnissen in ihrem Land unzufrieden sind und für sich keine Perspektive sehen. Ein Grund hierfür ist das enorme Bevölkerungswachstum in einigen Ländern insbesondere Afrikas. Probleme mit der Verschiebung von Klimazonen werden die nächsten Wanderungsbewegungen auslösen.

Viele der Flüchtlinge versuchen nach Europa und vor allem zu uns nach Deutschland zu kommen: weil sie hier sicher vor Verfolgung sind, weil sie hier staatliche Unterstützung erhalten oder aber glauben, hier sei das Schlaraffenland.

Deutschland hat nach dem Ende des 2. Weltkriegs 14 Millionen Flüchtlinge und Heimatvertriebene aus den Ostprovinzen und dem Sudetenland aufnehmen müssen und erfolgreich integriert. Dies war einerseits unproblematisch, da die Aufzunehmenden dem gleichen Kulturkreis, gleicher Religion und gleicher Sprache angehörten und zudem über gute Berufsausbildung verfügten. Schwierig war es, weil das aufnehmende Land total zerstört war, Millionen Wohnungen fehlten und man in den ersten Jahren hungerte. Die Vertriebenen und Flüchtlinge besaßen einen hohen Integrationswillen, so dass spätestens nach einer Generation keine Unterschiede zwischen „Einheimischen“ und „Flüchtlingen“ festzustellen waren.

© Gordon Johnson/pixabay

Anders heute: Unser Land ist einigermaßen wohlhabend, ein funktionierender Staat, nahezu Vollbeschäftigung, Facharbeitermangel – eigentlich gute Voraussetzungen für eine gelingende Integration der vielen Menschen, die in den letzten Jahren zu uns gekommen sind. Aber: Die meisten sprechen unsere Sprache nicht, kommen aus anderen Kulturkreisen, in denen z. B. die Frau nichts gilt, gehören anderen Religionen an, haben andere Traditionen und Gebräuche, andere Kleidungsvorstellungen, fehlende berufliche Qualifikation etc. Diesen Menschen hier auf Dauer eine neue Heimat zu geben und dabei die einheimische Bevölkerung nicht zu verdrängen oder beschädigen, ist eine Riesenaufgabe.

Beim Hinschauen kommt es unter anderem auf den Blickwinkel, die Blickrichtung an. Sehen wir das Problem aus Sicht der einheimischen Bevölkerung? Vielleicht mit einem eignen Fluchthintergrund und eigenen Erfahrungen bei der damaligen Integration? Oder aus der Sicht der Angekommenen? Wie sehen sie uns als aufnehmenden Teil der Bevölkerung? Was erwarten die Einheimischen von den „Neuen“? Was sind die „Neuen“ bereit, für eine Integration aufzugeben? Sind Parallelgesellschaften schädlich oder hilfreich?

Alle diese Fragen ergeben sich beim „Hinschauen“ auf das Problem. Und Antworten auf diese Fragen müssen wir finden, möglichst schon in naher Zukunft.

Die Ausstellung in St. Klara und die begleitenden Veranstaltungen sollen hierzu einen Beitrag leisten.

Dr. Wolfgang Rollig
Ehrenamtlicher Gemeindeleiter
Graf-von-Galen-Straße 365197Wiesbaden-Klarenthal