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„Gott kennt dich nicht“

Sonntagsmatinee
„Gott kennt dich nicht“
„Gott kennt dich nicht“
© SharonMcCutcheon/Pixabay

Zur Sonntagsmatinee am 8. März 2020 kamen mit den gut 40 Besuchern diesmal auch außergewöhnlich viele jugendliche Menschen ins Gemeindehaus von St. Peter und Paul in Wiesbaden-Schierstein. Zum Thema „Gender – Gottes Vielfalt?“ stellten sich Alicen Fowler und Jamie Piroth als Gesprächspartner*innen bereit und berichteten über ihre eigenen Erfahrungen als trans Personen. Das Wort „trans“ wird im Text durchgehend als Adjektiv verwendet.

 

„Gender“ – das „soziale Geschlecht“ von Menschen, das sich nicht immer an den biologischen Gegebenheiten orientiert, ist offenbar gerade für die katholische Kirche ein schwieriges Thema. Theolog*innen und Gläubige sahen ihren kritischen Blick auf Menschen, die sich nicht eindeutig als Mann oder Frau zuordnen lassen, lange Zeit durch den Schöpfungsbericht, Genesis 1, 26-28, gestützt: Die Erschaffung von Mann und Frau als Gottes Ebenbild. Auch die Amtskirche betont – bis heute zu gerne –, dass nur Mann und Frau der Schöpfungsordnung entsprächen: Wer als Mann oder Frau geboren sei, müsse dies also nach Gottes Willen auch leben. Denn Gott mache keine Fehler.

Doch dieser Sichtweise stellt die moderne Theologie entgegen, dass Genesis 1 nicht als Aufzählung von allem Geschaffenen zu betrachten sei. Es würden hier nur beispielhaft Gegensätze (Tag/Nacht, Himmel/Erde, Mann/Frau usw.) genannt, um zu zeigen, dass alles, was auf Erden ist, von Gott geschaffen und für gut befunden wurde. Die moderne Theologie interpretiert damit auch trans Identität als von Gott geschaffen. Zudem sei Gott selbst nicht binär männlich oder weiblich, sondern umfasse in der Trinität beide Aspekte: Vater, Sohn und Geistin, nach dem auf Hebräisch weiblichen Begriff „ruach“. 

Was für die meisten Besucher der Matinee wie ein eher theoretischer Streit um Auslegungsfragen angemutet haben dürfte, füllten Alicen Fowler und Jamie Piroth schnell mit Leben, als sie von ihren Erfahrungen berichteten. 

Die 29-jährige Studentin Alicen Fowler aus Wiesbaden erzählte sehr offen von ihrem Outing mit 24 Jahren als „nicht-männlich“. Sie habe diese  Zeit als sehr belastend erfahren, da sie zwar sicher wusste, nicht männlich zu sein – aber was war sie dann? Ihre trans Identität drückte sie in weiblicher Kleidung aus. Ihre Umgebung fasste das vorwiegend negativ auf: „Ich konnte in dieser Zeit auf keine öffentliche Toilette mehr gehen, denn ich war weder bei den Frauen, noch bei den Männern willkommen.“ 

Jamie Piroth, 26-jähriger Student aus Frankfurt, berichtete, dass er bereits in der Pubertät gemerkt habe, dass sich alles falsch anfühle. Er konnte sich nicht eindeutig zu einem Geschlecht zuordnen und erkannte seine Identität schließlich eher im männlichen Bereich. Er hatte das Glück, kaum negative Erfahrungen gemacht zu haben. 

Klar sei, dass das sogenannte „Passing“ – das gesellschaftliche „Durchgehen“ als das Geschlecht, mit dem man sich identifiziert, durch Angleichen der äußeren Geschlechtsmerkmale – für ihn als trans Mann grundsätzlich leichter sei als für eine trans Frau. Durch Hormongabe und äußerliche Anpassung könnten beim trans Mann die dunkle Stimme und die männlichen Züge leichter erreicht werden. Trans Frauen würden viel häufiger auch noch nach Hormongabe und Operationen als Männer identifiziert. Auch sehe unsere Gesellschaft es immer noch als freiwilligen gesellschaftlichen Abstieg an, wenn ein biologisch als Mann geborener Mensch sich als trans Frau identifiziere.

Problematisch sei natürlich auch für alle trans Personen, dass die meisten Menschen nicht wüssten, wie sie mit ihnen umgehen sollten. Denn die Zuordnung als männlich oder weiblich, sei in unserer Gesellschaft fest verankert. 

Die Referent*innen plädierten darum dafür, jede Möglichkeit zu nutzen, um über das Thema Gender zu informieren. Dies könne vieles verändern. Gerade ältere Menschen stünden dem Thema deutlich offener gegenüber, wenn sie die Möglichkeit haben, intensiv darüber zu diskutieren. Alicen Fowler und Jamie Piroth hatten bisher als ehrenamtlich Mitarbeitende des Antidiskriminierungsprojekts SCHLAU in Wiesbaden vornehmlich die Möglichkeit, Kinder und Jugendliche über Themen der sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität zu informieren.

„Statt Maria 2.0 sollte es Mensch 3.0 heißen“

Auf die Rückfrage eines Besuchers zu ihrem „Passing“ erläuterte Alicen Fowler, dass es für sie schrecklich gewesen sei, den Körper und die Geschlechtsmerkmale eines Mannes zu haben. Sie habe sich in diesem Körper nicht wohlfühlen können und war darum bereit, Risiken in Kauf zu nehmen, um durch Operationen und Hormonbehandlungen ihren Körper an ihre Identität anzupassen. „Das ist besser, als mit dem eigenen Körper nicht mehr weiter leben zu wollen“, verdeutlichte sie den Matineebesucher*innen. 
Sie stellte gleichzeitig klar, dass es ihr dabei nicht darum ging, das Klischeebild der Gesellschaft von Weiblichkeit zu erfüllen: „Macht es mich zur Frau, wenn ich Brüste und eine Vagina habe und Kinder bekommen kann? Ist es nicht das eigene Gehirn, das einem klar sagt, was die eigene Identität ist?“ Sie respektiere aber absolut, wenn andere Menschen auch die Anerkennung der Gesellschaft für ihre Identität als Mann oder Frau brauchten.

Ein Teilnehmer der Matinee fragte nach, warum für die Operationen das Indikationsschreiben eines Psychologen notwendig sei: „Wird einem da nicht staatlich aberkannt, über sich selbst entscheiden, sich selbst richtig fühlen und einschätzen zu können?“
Die Referent*innen stimmten dem zu, gaben aber zu bedenken, dass es tatsächlich auch Krankheiten gebe, die eine Wesensveränderung bewirkten. Solche Fehleinschätzungen sollten vermieden werden, zumal die Anpassung durch Operationen und Hormone nie vollkommen rückgängig gemacht werde könne.

Die Matineebesucher*innen interessierten sich auch dafür, welche Erfahrungen die Referent*innen mit Kirche gemacht haben. Anders als Jamie Piroth beschrieb sich Alicen Fowler selbst als „durchaus kirchlich gebunden“. Sie ging zur Kommunion, war Messdienerin und wurde gefirmt. „Irgendwann musste ich mich aber von der Kirche distanzieren, da meine weibliche Identität nicht anerkannt wurde.“ Zwar habe sie die positive Erfahrung gemacht, dass ein Pfarrer bereit war, ihr Geschlecht im Taufbuch zu ändern. Tief verletzend sei jedoch gewesen, dass ein anderer Pfarrer ihr den Zutritt zum Gottesdienst verwehrte mit der Aussage: „Gott kennt dich nicht!“ Für Alicen Fowler war das in keiner Weise nachvollziehbar: „Warum sollte ein allmächtiger Gott mich nicht als den Menschen erkennen, der ich bin?“ 

Die Matineebesucher*innen zeigten sich erschüttert über diesen „Rausschmiss“ durch einen katholischen Pfarrer und waren gleichzeitig beeindruckt, dass Alicen Fowler nach diesen Erfahrungen überhaupt an der Sonntagsmatinee in den Gemeinderäumen teilnahm. „Ich habe inzwischen meinen Frieden damit geschlossen“, betonte sie. „Ich glaube inzwischen anders, habe mich anders in meinem Leben eingerichtet. Es ist eine Distanz da. Ich glaube ohne Gemeinde und Kirche“, beschrieb sie.

„Mir tut es als Christin weh, zu hören, dass Menschen von Pfarrern zurückgestoßen werden“, reagierte eine Teilnehmerin auf die Erfahrung von Alicen Fowler. Ein anderer Matineebesucher erläuterte, dass sich bis 2060 die Zahl der Kirchenmitglieder halbieren werde. Das liege daran, dass sich die Kirche immer weiter von der Gesellschaft und ihren Erkenntnissen entferne. Die Gesellschaft sei hier viel weiter als die Kirche. „Wie soll ich die Verweigerung des Zutritts zur Kirche im Lichte des Evangeliums verstehen? Warum sagt die Kirche nicht: Wir nehmen euch mit offenen Armen auf?“

Eine andere Besucherin sah die Verantwortung bei sich und den Gemeindemitgliedern selbst: „Wir sind die Kirche. Menschen bei uns aufnehmen, das muss nicht der Pfarrer tun. Das sollen wir selber tun. Wir sind alle Christen und können die Menschen, die von Amts wegen ausgeschlossen wurden, wieder hineinholen.“ Papst Franziskus sei mit seiner Meinung unwichtig: „Ob ich mich wohl fühle, liegt nicht am Papst, sondern daran, wie Gemeinde mich aufnimmt.“ 

Ein Besucher plädierte dafür, gerade als Kirche endlich viel weiter zu denken: „Statt Maria 2.0 sollte es Mensch 3.0 heißen.“ 

Stefanie Gunkel und Christina Kahlen-Pappas