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Neu in der Pfarrei: Praktikantin Carola Nussbaum

Interview
Neu in der Pfarrei: Praktikantin Carola Nussbaum
Neu in der Pfarrei: Praktikantin Carola Nussbaum
© Manuel Gall

Carola Nussbaum

Carola Nussbaum, geboren 1993, ist für vier Wochen Praktikantin in unserer Pfarrei St. Peter und Paul. Sie studiert in Bonn Theologie und spielt mit dem Gedanken nach dem Studium Pastoralreferentin zu werden.

Frau Nussbaum, was hat Sie motiviert Theologie zu studieren?

Nach meinem Kindheitstraum Architektin zu werden, habe ich lange Zeit mit dem Gedanken gespielt, Medizin oder Psychologie zu studieren. Außerdem war es mein Plan nach dem Abi nochmal für ein Jahr nach Lateinamerika zu gehen. Als ich jedoch 2011 mit meiner Cousine zum Weltjugendtag nach Madrid fuhr und dort von Gott begeisterte junge Menschen und einen ansteckenden Glauben erlebte, wuchs in mir immer weiter eine Sehnsucht nach mehr, eine Sehnsucht danach, diesen Gott besser kennen zu lernen. Anstatt nach dem Abi nach Lateinamerika zu gehen, entschied ich mich ein Jahr meines Lebens Gott zu schenken, um mehr über meinen Glauben zu erfahren und Gott besser kennen zu lernen. Ich besuchte eine internationale Akademie für Musik und Evangelisation der Gemeinschaft Emmanuel mit einem intensiven Gemeinschaftsleben von 22 Studierenden aus 10 verschiedenen Ländern, Lehre, karitativen und missionarischen Aktionen und regelmäßigen Zeiten des Gebets. Während dieses Jahres verfestigte sich zunächst der Gedanke im Anschluss das Psychologiestudium aufzunehmen – doch schließlich fiel am Ende aus meiner Begeisterung für diesen Jesus von Nazareth und seine Botschaft meine Herzensentscheidung für das Theologiestudium. Ich hatte damals noch keine konkrete Vorstellung von einer späteren beruflichen Tätigkeit, doch die Botschaft des Christentums hatte mich überzeugt, sodass ich mir vorstellen konnte mich einmal in ihren Dienst zu stellen. Ich entschloss dem Christentum durch das Studium an der Universität noch mehr auf den Grund zu gehen, meinen Glauben dem Forum der Vernunft auszusetzen, zu prüfen und zu verantworten.

Wie leben Sie Ihren Glauben im Alltag?

Ich beginne den Tag mit einer Zeit des Gebetes, in der ich Gott meinen Tag anvertraue und ihn einlade mich mit seinem Heiligen Geist zu begleiten, besonders auch in den schwierigen Situationen. Das kann am liebsten noch zu Hause sein – oder aber, wenn die Zeit knapp ist, auch in ganz einfachen stillen Worten auf dem Weg in die Uni auf dem Fahrrad oder im Bus. Wichtig ist mir auch das Wort Gottes, die Bibel. Durch die Psalmen oder die Texte des Tagesevangeliums schöpfe ich immer wieder neue Kraft, Trost, Frieden und Freude. Auch abends nehme ich mir 10-15 Minuten Zeit, um auf den Tag zurück zu blicken und Gott zu danken, für das Gute, dass ich an diesem Tag erlebt habe. Ich vertraue ihm meine Bitten, Sorgen und alles an, was mich bewegt.

Auch die Sakramente der Kirche empfinde ich als einen wahren Schatz, ja eine Stärkung für den Alltag; z.B. die sonntägliche Eucharistiefeier oder das Sakrament der Versöhnung.

Was machen Sie in Ihrer Freizeit?

In meiner Freizeit ist es mir wichtig meine Freundschaften zu pflegen. Außerdem liebe ich es tanzen zu gehen, Musik zu machen oder lange Spaziergänge oder Wanderungen in der Natur zu unternehmen. Es darf aber auch mal ein gemütlicher Abend zu Hause, ein Theater- oder Kinobesuch sein :-) 

Wo sehen Sie Schwierigkeiten und Hindernisse in den heutigen Kirchengemeinden?

Ich finde es an dieser Stelle schwer pauschalisierend Antwort zu geben, da in jeder Gemeinde individuelle, eigene Schwerpunkte und Stärken, Schwierigkeiten und Hindernisse vorzufinden sind. 

Allgemein ist unsere Zeit von Individualisierung und einer Pluralisierung von Sinnangeboten sowie einer abnehmenden Ortsgebundenheit geprägt. Ich nehme auch eine große Angst und Sorge im Hinblick auf die Zukunft einer älter werdenden Kirche und die schwindenden Mitgliederzahlen aufgrund diverser aktueller Krisen, wie beispielsweise den Missbrauchsskandal im Zusammenhang mit klerikalem Machtmissbrauch wahr. 

Seit meinem Studium ist die Katholische Hochschulgemeinde meine „Heimatgemeinde“. Hier erlebe ich eine junge, offene, interessierte, einladende Gemeinschaft und Kirche und ich kann bezeugen, die Kirche ist nicht nur alt – sie ist auch jung! – Und die Kirche wird ganz sicher nicht „untergehen“ oder „aussterben“. 

Ich glaube die Herausforderung unserer Zeit ist es, uns wieder auf die Grundwahrheiten des Glaubens zu besinnen und Antworten zu geben auf die Fragen: „Was ist das unterscheidend Christliche? Was ist das „mehr“ an einem Leben mit Gott, einem Leben in der katholischen Kirche?“ 
Wir sind als Gemeinde gerufen Wege offenzuhalten oder zu ebnen und Räume zu schaffen in denen eine tiefe persönliche Begegnung mit Gott möglich ist. Mit dem Gott, der jeden einzelnen Menschen zutiefst kennt und liebt, der all unsere Freude, unsere Sehnsüchte, unsere Kämpfe und unser Leid kennt und der uns befreien, erneuern, aufrichten, kräftigen will, der uns froh und glücklich machen will. Gott wirbt um jeden einzelnen Menschen mit riesiger Geduld und Zärtlichkeit, ohne zu überwältigen, ohne Zwang oder Druck auszuüben, ohne die Freiheit des Einzelnen zu verletzten. Er wirbt um uns und sein Werben ist kein Sturm oder Feuer, sondern das leise sanfte Säuseln, das im Lärm leicht untergehen und am leichtesten in der Stille vernommen werden kann. Unsere Herausforderung ist es, gute Wegbereiter zu sein für die Begegnung mit dem Herrn und der frohen Botschaft, die für alle Menschen gilt, ob jung oder alt, ob sie der Kirche nah oder fern stehen. 
Der christliche Glaube hat die Kraft durch Krisen zu tragen. Es gibt Momente im Leben, die von Bitterkeit und Leid gezeichnet sind und in denen es uns schwer fällt oder kaum noch möglich ist, an die Güte Gottes zu glauben. Hier solidarisiert sich in Jesus von Nazareth Gott selbst mit uns und schreit mit uns im Klagepsalm 22 „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“

Doch unser Glaube kann nicht nur durch Krisen und Leiderfahrungen tragen. Vielmehr ist unser Glaube zuallererst Grund zu übergroßer Freude und wenn wir Christen die frohe Botschaft immer tiefer in uns aufnehmen und aus ihr leben, strahlen wir die frohe Botschaft aus – und andere werden neugierig und angesteckt – so wie es mir damals ergangen ist. 

Ich glaube eine weitere Herausforderung ist es, nicht zu klein von Gott zu denken. Wenn wir wirklich glauben, dass dieser Gott Schöpfer des Universums ist, Schöpfer jedes einzelnen Menschen ist, wenn wir wirklich glauben, dass dieser Gott Mensch geworden ist, wenn wir wirklich an Jesus Christus, seine Macht und Auferstehung glauben, müssen wir anerkennen, dass für Gott nichts unmöglich ist! Wir werden erleben, dass das Leben mit IHM einen Unterschied macht und dass wir, wenn wir mit Ihm leben, einen Unterschied machen können, sei er noch so klein. Lasst uns nicht klein von Gott denken! Gott überwältigt niemanden, er verbeugt sich vor unserer Freiheit und hat sich von ihr abhängig gemacht, da die Bedingung der Möglichkeit von Liebe Freiheit ist. Aber wenn wir uns in Freiheit dafür entscheiden, Gott in uns und durch uns wirken zu lassen, wird er Großes tun – für Gott ist nichts unmöglich – davon bin ich überzeugt. 

Ohne strukturelle Veränderungen geht es nicht und diese haben zweifellos ihre Berechtigung und tun not. Doch es braucht auch eine innere Erneuerung, die nur durch die persönliche Begegnung mit Gott und eine ansteckende tiefe Gemeinschaft mit anderen Christen geschehen kann! 

Wir haben den Auftrag eine einladende offene Kirche zu sein, in der jeder willkommen ist, in der echte Gemeinschaft erfahrbar wird, in der die Höhen und Tiefen des Lebens geteilt werden, gemeinsam um den Glauben gerungen wird und gebetet wird – ja, in der der Weg zu Gott geebnet wird! 

Wie sehen Sie „die Kirche“ in 30 Jahren?

Wie die Kirche in 30 Jahren aussieht, ist schwer zu sagen – es liegt an uns heute! Krisenzeiten gab es schon immer – so bezeugt es die Kirchengeschichte. Und es lässt mich staunen, dass es Kirche ob all der dunklen Kapitel und menschlichen Unzulänglichkeiten bis ins 20. Jahrhundert geschafft hat. Was haben dieser Jesus von Nazareth und seine Botschaft nur an sich? Immer wieder erwuchsen Reform- und Erneuerungsbewegungen mit dem Motto: „Zurück zu den Wurzeln! Zurück zum Wesentlichen!“ - man blicke beispielsweise auf einen Franziskus von Assisi, die Reformbewegungen im Spätmittelalter oder aber auf die Aufbrüche des 16. Jahrhunderts mit Ignatius von Loyola, Teresa von Avila oder Angela Merici. In 30 Jahren wird es wohl kaum mehr vorstellbar sein, dass Kirche einmal Volkskirche gewesen ist oder dass gar ein katholisches Millieu die Gesellschaft prägte. Ob es vor Ort eher kleinere Gruppen von überzeugten, entschiedenen, leidenschaftlichen Christen geben wird, die aus der Begegnung mit Jesus Christus leben und sich auf das Wesentliche konzentrieren, die begeisternd, ansteckend sind und durch ihren Lebenswandel neugierig machen? Vielleicht wird es neben zentralen Orten, an denen sich Christen treffen und sammeln, vermehrt kleine Hauskirchen oder Gebetskreise zu Hause geben, die zum Treffpunkt werden können. Vermutlich wird es viele engagierte Laien geben, die qua Taufe als Priester, Könige und Propheten diesen Hauskreisen vorstehen und sie leiten. Vielleicht wird es nicht mehr jeden Sonntag eine Eucharistiefeier in unmittelbarer Nähe geben. Möglicherweise wird man weitere Strecken zurück legen müssen, und dadurch vielleicht das Sakrament der Eucharistie noch mal ganz anders schätzen lernen und ein entschiedenes Christentum leben. Vielleicht wird die Kirche in 30 Jahren aber auch gar nicht so klein sein, wie wir heute denken... In jedem Fall liegt es an uns Christen heute, wie Kirche in 30 Jahren aussehen wird! Über eines jedoch bin ich sicher, die Kirche wird nicht untergehen, wenn es auch noch so sehr in ihr „menschelt“. Fangen wir heute damit an, uns wieder neu für das Leben mit Jesus Christus zu entscheiden, Gott in unserem Alltag einen Platz zu geben und ein entschiedenes feuriges Christentum zu leben!

Die Fragen stellte Pastoralreferent Manuel Gall