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„Wichtig ist, dass die Theologie nicht verurteilt“

Bericht Sonntagsmatinee
„Wichtig ist, dass die Theologie nicht verurteilt“
„Wichtig ist, dass die Theologie nicht verurteilt“
© Christina Kahlen-Pappas

„Das Kreuz mit dem Sex“ lockte mehr als 40 Besucher am 2. Februar 2020 zur Sonntagsmatinee ins Gemeindehaus von St. Peter und Paul in Wiesbaden-Schierstein. Die wenigsten konnten der von Dr. Stefan Scholz vorgestellten „Theologie des Leibes“ vollumfänglich zustimmen. 

Rektor Dr. Stefan Scholz, Priesterlicher Mitarbeiter der Dompfarrei St. Bartholomäus in Frankfurt am Main, stand als Experte bereit und führte als „Anwalt des Textes“ zu Beginn der Veranstaltung ausführlich in die von Papst Johannes Paul II. in den Jahren 1979 bis 1984 entwickelte „Theologie des Leibes“ ein, die noch heute die Lehrmeinung der Kirche zur Sexualität widerspiegelt.

Johannes Paul II. habe seine Sichtweise auf den deutschen Philosophen Max Scheler gegründet, der den Menschen als Dreiklang von Körper, Seele und Geist begriff.

Der Mensch sei zunächst ein „Körperding“, das mit chemischen Prozessen funktioniere. Die Seele sei eine innere Energie, die jeden zu einem individuellen Menschen macht und der Geist ermögliche es dem Menschen, sich selbst wahrzunehmen, zu reflektieren und sich zu sich selbst und anderen in Bezug zu setzen. Diese Bezogenheit zur Welt drücke sich aber wiederum komplett über den Körper aus, der in seinem Verhältnis zur Welt – mit Geiste und Seele – als „Leib“ bezeichnet werde.

Dr. Stefan Scholz (stehend) versuchte den Matinee-Teilnehmern die „Theologie des Leibes“ näher zu bringen.

Wie sich das zum christlichen Glauben verhält, erläuterte Scholz in einem zweiten Schritt: Hier helfe ein Blick in den Schöpfungsbericht, der zeige, dass der Mensch unglücklich ist, solange er kein menschliches Gegenüber habe. Darum behebe Gott diesen „Geburtsfehler“ und stelle ihm ein menschliches Gegenüber an die Seite. Erst dadurch könne der Mensch sein Menschsein erkennen. Vollendet wäre diese Beziehung in der Liebe. Aber darauf habe man keinen Anspruch. 

Mann und Frau zusammen seien Gottes Ebenbild. Wenn sie sich als Ganzes erkennen – mit Körper, Seele und Geist – dann scheine Gott auf. In der Folge solle menschliche Sexualität nicht nur ein körperlicher, sondern auch ein geistiger und seelischer (ganzheitlicher) Akt sein. Daraus folge, dass der andere nicht nur als Mittel zum Zweck, also nur für die Körperlichkeit, benutzt werden dürfe. Der andere müsse immer spüren, dass er unbedingt geachtet werde.

Darum könne es auch nur eine Form der Sexualität geben: Die Ehe – denn nur die Ehe schaffe diese Voraussetzung. Und darum könne „offenbarende Liebe“ auch nur die zwischen Mann und Frau sein. Dazu gehöre auch die Beachtung der Jungfräulichkeit und der Fruchtbarkeit, die wiederum künstliche Empfängnisverhütung nicht zulasse.

Irritierende Herleitung

Manche Gäste im Saal reagierten mit deutlichem Unverständnis auf diese Herleitung. Für fast alle stellten sich im Anschluss an diese Einordnung zumindest jede Menge Fragen – eine davon: „Warum kann der Dreiklang aus Körper, Geist und Seele nur als Mann und Frau erreicht werden?“ Andere Teilnehmer kritisierten, dass schon der Ansatz falsch sei: „Es gibt nicht nur Mann und Frau.“ Tatsächlich existierten neue Erkenntnisse der Biologie, dass der Mensch divers angelegt sei. „Wie lässt sich das mit der ‚Theologie des Leibes’ abbilden?“ Scholz stellte die Gegenfrage, ob Diversität und Homosexualität etwas sei „wozu Gott ‚Ja’ gesagt“ habe. 

Auf die Frage, ob der Sexualtrieb nur der Arterhaltung diene oder er ein Geschenk sei, das auch nur zum Genuss beitragen darf“, antworteten andere, in der Theologie sattelfeste Gäste, mit einem klaren „Nein, Sexualität sei ebenso ein Geschenk. Sie diene auch der Vertiefung der Beziehung, der Stärkung der Identität, der Lust am eigenen und anderen Körper. Aber auch der „Fruchtbarkeit“ im Sinne der Weitergabe der erfahrenen Liebe an Dritte“.

Wichtig ist, dass die Theologie nicht verurteilt.

Kaplan Gerhard Schuh verwies auf das Neue Testament, in dem Jesus verschiedene Lebensformen nebeneinander stellt und als gleichberechtigt gelten lässt. „Jesus hat keinerlei Vorschriften dazu gemacht, wen und wie wir lieben – er sagte sogar ausdrücklich, dass nicht alle für die Ehe geschaffen seien“, zitierte er aus Mt 19, 11-12. Pfarrer Dr. Jörg Mohn von der evangelischen Christophoruskirchengemeinde warb dafür, zwar Kriterien anzulegen, aber dies möglichst breit zu tun: „Wichtig ist, dass die Theologie nicht verurteilt.“ 

Andere Besucher bemängelten, dass die Kirche Regeln aufstelle, die „menschenverachtend“ seien: „Wenn Menschen andere Lebensentwürfe haben, die niemanden verletzen, dann muss das in Ordnung sein.“ Die Nächstenliebe blieb erneut für die meisten Gäste der entscheidende Faktor.

Christina Kahlen-Pappas